Im Müll geboren oder Einer von Millionen zu sein

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Dies ist eine wahre Begebenheit die vor einigen Jahren ihren Anfang nahm, selbst die Hunde haben ihre realen Namen. Diese Erfahrungen möchte ich hier aufschreiben um aufzuzeigen wie unglaublich wichtig Impfungen sind. Sie schützen die Tiere vor dieser (Staupe) und vor anderen hochansteckenden und meist tödlich verlaufenden Krankheiten. Die Tiere – in diesem Fall vier Hunde- hätten ihre unsäglichen Qualen nicht erleiden müssen und jedem Tierhalter, der sein Tier regelmäßig impfen lässt, könnten sie ersparen was ich erleben musste.

Im Müll geboren oder Einer von Millionen zu sein

Im Frühling 2005 wurde er in eine kalte, lieblose und eher traurige Wahrheit geboren. Ein kleiner Hund, noch naß von der Geburt, erfuhr jedoch die Liebe seiner Mutter. Sie säuberte ihn und seine drei Geschwister. Es war eine kurze Zeit der Geborgenheit. Nach wenigen Wochen wurde er samt seiner Geschwister der Mutter entrissen und nun mussten die kleinen 5 Wochen alten Welpen selber ihr Leben meistern. Nun war keiner mehr da der sie wärmte, sie säugte und putzte. Das spärliche Futter kam nur sehr sporadisch, die kleinen Bäuche konnten sich nur alle paar Tage mit Futter vollstopfen, aber das Wenige reichte gerade zum Überleben. Mit den unregelmäßigen Futterrationen wuchsen die vier Hundekinder in einem dunklen und dreckigen vor Müll und Unrat stinkendem Kellerverlies auf. Ihre Wurmbäuche erzählten von ihrem Leben. Dennoch hatten sie oft Spaß mit sich, sie zergelten, rupften und zupften aneinander. Nach einigen weiteren Wochen im Keller erhöhte sich die Anzahl der Welpen, sechs weitere Hundekinder wurden durch starre und kalte Hände in das Verlies gedrückt.

Das war unglaublich spannend für unsere vier Kleinen, hatten sie doch in den letzten drei Monaten niemals Abwechslung, weder Spielzeug noch anderweitige Beschäftigung. Ihr nasses und kaltes Zuhause verließen sie nie. Scheu betrachteten sie die Neuankömmlinge, sie setzten ihre Nasen ein um jeden fremden Geruch aufzunehmen. Die jungen Hunde gingen trotz der Dunkelheit des feuchten Kellers und der großen Ängste vor dem Unbekannten aufeinander zu. Als wüssten sie alle um ihr Schicksal vermischten, beschnupperten und stupsten sie sich an, geradezu um eine Einheit zu bilden, um wehrhafter zu sein.

Nun blieben die zehn beinah gleichaltrigen jungen und abgemagerten Hunde wieder zurück, wiederum ihrem Los überlassen,- sie wuchsen mehr schlecht als recht-, ihre Knochen und Gelenke konnten sich auf Grund der Dunkelheit nicht richtig ausbilden. Sie wurden rachitisch.

Barney, einer der vier ersten Kellerkinder wurde ruhig, er bekam Fieber und lag teilnahmslos am nassen Kellerboden. Luna, das einzige Mädchen der vier ersten Kellerbewohner versuchte Barney zu wärmen, sie legte sich mit ihrem kleinen Körper an Barneys Seite, sie schnupperte unentwegt an ihm, sie putzte seine Ohren und befeuchtete seine Lefzen. Am dritten Tag ging es Barney besser, er versuchte ein paar Schritte, aber sein geschwächter Körper brauchte Pausen. Barney erreichte die wenigen ihm zustehenden Bröckchen des auf den Boden geworfenen Futters nicht. Sein kleiner Körper verlor merklich an Kraft, das Fieber kam wieder, seine Augen lagen tief im Kopf, der Flüssigkeitsverlust war sehr groß, so lag Barney weitere zwei Tage im Keller.

Am nächsten Tag hörten die Hunde menschliche Stimmen, es wurde zusehends lauter im Raum, es gab Ärger und Krach, die Menschen wetterten und zankten. Endlich wurde Licht angeschaltet und alle Hunde wurden in hässliche Kisten gestopft. Drei Kisten für zehn Hunde. Luna lag mit Barney, Timmy und Tommy zusammen. Was für ein Zufall, alle Geschwister waren zusammen. In Autos verfrachtet wurden sie in verschiedene Richtungen gefahren. Das war der Zeitpunkt an dem wir die vier jungen Hunde übernommen hatten. Barney wurde mit seinen drei Geschwistern in eine Klinik gefahren. Dort angekommen wurden alle Hundekinder untersucht, entwurmt, gespritzt und über Tage gepäppelt. Allen, außer Barney ging es etwas besser, ihre Körper würden noch sehr lange brauchen um sich zu erholen. Die Unmengen Würmer verließen auch die kleinen Körper.

Die Untersuchung ergab, dass Barney und alle anderen an Staupe erkrankt seien. Durch die Nähe zu ihm hatte Luna eine schlimme Zeit des Kampfes gegen diese heimtückische und meist tödlich verlaufende Krankheit. Luna hatte noch zwei schlimme Wochen vor sich bevor sie sich erholte und endlich ein glücklicher Hund sein durfte. Außer ihrem Kleinwuchs hatte sie keine weiteren Auswirkungen der Staupe zu tragen. Tommy hatte mehr Glück, er baute trotz der lebensbedrohlichen Krankheit auf, er hatte Fieberschübe und an zwei Tagen wollte er nicht mehr fressen, doch die Infusionen, Spritzen und gute Nahrung halfen. Seinem Körper sah man die Erholung bereits an, alles wurde wieder besser. Er und Luna hatten es geschafft, es ging ihnen nun recht gut.

Barney wollte sich nicht so recht entwickeln, er verlor immer mehr Gewicht, seine Augen sahen trocken aus und lagen noch weiter zurück als am Tag zuvor, seine Haut verlor an Spannkraft, selbst die Dauerinfusionen konnten sich nicht durchsetzen, aber seinen Mut und seinen Willen, seinen Sturkopf, hatte er noch – wenn auch nur für kurze Zeit – behalten.

Er lag stundenlang neben mir, die Schläuche der Infusionen hingen an seinem schlaffen Körper, sein junger Verstand nahm trotz seines jämmerlichen Zustandes jede meiner Bewegungen wahr. Barney beobachtete die Umwelt eifersüchtig, er erhob sich mit letzter Kraft um einen ankommenden Hund, den er durch ein Fenster beobachtete, zu vertreiben.

Danach legte er sich wieder auf seine Decke und ich konnte sehen das nur schon das Erheben seines kleinen Körpers für ihn eine unglaubliche Anstrengung bedeutete.

Wieder mal gab es ein Gespräch mit dem Tierarzt, Barney hatte kaum eine, eher keine, Überlebenschance. Er sollte die Nacht nicht überleben. Seine Organe versagten, er hatte aufgegeben. Wir haben ihm seine Qualen genommen. Barney starb in meinen Armen. Ein karger kleiner Körper, nicht mal ausgewachsen, wird aus dem kurzen Leben gerissen. Wir haben getan was getan werden musste und was medizinisch möglich war. Als Barney die Narkosespritze bekam um ihm weiteres Leid zu ersparen, dachte ich mein Herz würde zerspringen und ich fühle es gerade wieder, so ein Erlebnis vergisst man nie. Und solch einen Hund auch nicht. Er hatte etwas ergreifendes, er hatte lebendige Augen, selbst kurz vor seinem Tod.

Nun blieben uns noch Tommy, Luna und Timmy. Der fröhliche Knubbel Timmy hatte durch die Erkrankung einen Lungenschaden behalten. Zunächst war es nur immer mal wieder ein Husten, damit kamen wir alle jahrelang gut zu recht. Als Timmy vier Jahre alt wurde kam er um eine Bronchoskopie nicht mehr herum. Wir mussten feststellen inwieweit nun seine Lunge geschädigt war, weil der Husten schlimmer wurde. Er hatte ständig Sekret in der Lunge, seine Nase lief eigentlich immer. Aber er trotzte auch diesem lästigen Staupeanhängsel. Mit entsprechender Medikamentengabe hielten wir alles lange Zeit in Grenzen. Er rannte, spielte, ärgerte unsere anderen Hunde, er zerrupfte alle Decken die ihm unter die Pfoten kamen. Nichts ließ er aus was Spaß für ihn bedeutete. Timmy klaute schlimmer als ein Rabe, er vergrub die „erworbenen“ Dinge immer schnell in seinem Körbchen unter einer Decke und holte sie hervor wenn niemand hinsah um sie dann zu „sezieren“. Er war mit allen Lebewesen verträglich, aber er hatte auch ein sehr gutes Gedächtnis und nachtragend war er auch. Immer- wenn ihn auch nur einmal ein Hund gezankt hatte, dann hat er ihm das nie verziehen. Er stapfte immer hinter diesem dreisten Biestling her, er beknurrte ihn auf gröbste Weise, empörte sich dann immer lautstark und ließ diesen unverschämten Kerl niemals aus den Augen- so hatte Timmy immer viel zu tun……

Ich gebe zu, manchmal übertraf seine Lautstärke jedes andere Geräusch und das nervte schon beträchtlich, aber er lächelte uns dann an und ging seiner Wege, nicht weniger laut als vorher, aber noch schneller und immer noch fröhlicher, er war eben steigerungsfähig unser Timmy.

Seine Lunge schwächelte nun ab und zu, irgendwie befanden wir uns immer wieder mal am Rande einer Lungenentzündung, bis sie dann endlich kam. Mit den richtigen Mittelchen haben wir auch diesmal gewonnen und unser schwarzer Herr Sonnenschein lief mit ewig triefender Nase seiner Wege.

Ab Mitte 2011 merkte man der Lunge ihre schwere tägliche Arbeit nun an. Aber, was soll ich sagen? Timmy ignorierte auch das, er gab sich auch diesmal in sein Schicksal und schnuwelte sich durchs Leben. Wir haben jede Form der Homöopathie ausgenutzt, manchmal reichte diese nicht mehr und wir mussten mit härteren Mittelchen- z. B. die Lungenentzündung – bekämpfen. Dieser Zustand hielt bis Anfang Mai 2012 an. Mal ging es ihm besser, mal schlechter. Am frühen Dienstagmorgen dem 08.05.2012, nach einer normal verlaufenden Nacht ohne auch nur einem Hauch von Ankündigung des drohenden Unheils, hörte ich Timmy, er stand vor der Tür und wollte raus, er war sehr kurzatmig, sein Herz raste, seine kurzen Gesichtshaare standen ab, seine Augen waren zurückgefallen, die schleimige Flüssigkeit trat mehr als je zuvor aus seiner Nase. Sein Körper fiel in sich zusammen. Er war warm und kalt zugleich. Ich nahm ihn, legte ihn ins Auto und wir fuhren – wie damals – in die Klinik, es wurde die längste Fahrt meines Lebens.

Timmy lag ohne Bewegung (so wie damals Tommy) auf seinem Sitz neben mir. Sein Atem war schnell und oberflächlich, seine Kraft verließ ihn. Er speichelte und er sah mich an, lange, sehr lange und ich werde diesen Blick, der mir sagte „hilf mir“ niemals vergessen. Ich half ihm, wir waren auf dem Weg. An der Klinik angekommen ging alles ganz schnell, es dauert keine Minute und Timmy lag auf dem Tisch, sein Zustand war erbärmlich, er war gelb und das lies zusätzlich noch auf Leberprobleme schließen, eine Durchblutung war kaum noch festzustellen, wir besprachen seine Vorgeschichte und kamen zu dem Schluss, dass wir am Ende unseres gemeinsamen Weges angekommen sind, dass mein Timmy erlöst werden muss. Seine Lunge war keine mehr, sein Kreislauf erlaubte uns nur noch eine kurze Zeit. Wir nutzen sie und so konnte ich unserem geliebten Timmy den größten Freundschaftsdienst erweisen den ich mir überhaupt nur vorstellen kann: Unser Timmy sollte nicht vor sich hin leiden bis sein Körper den Krankheiten erliegt. Das kleine schwarze Bündel Elend bekam eine erlösende Narkose, Timmy schlief fest, ganz fest, die Überdosis des totbringenden Mittels nahm im den letzten Hauch. Mein Timmy hat seinen Frieden gefunden.

Wir sind unendlich traurig über den Verlust eines so großartigen Hundes und wir werden lange Zeit brauchen uns an die Lücke zu gewöhnen. Luna und Tommy leben und sind gesund,  hoffentlich haben wir sie noch lange bei uns.

Ich würde mich unsäglich freuen wenn sich gefühlvolle Menschen finden würden die sich durch diese wahre Geschichte inspiriert fühlen und einen kleinen Obulus spenden, den wir dann zur Impfung noch ungeschützter Tiere verwenden wollen.

Furchtbar traurig aber optimistisch sende ich herzliche Grüße

Ihre Bärbel Klein

TSV Animal Shelter e.V.

www.animal-shelter.de

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