Warum so viele Tierschutzvereine scheitern

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Das dumme an der Arbeit für Tiere ist die Tatsache, dass es eigentlich die Arbeit mit Menschen ist, die sie erst ermöglicht.
Menschen sind schwierig. Menschen die Tiere verstehen und lieben, sind nicht unbedingt die größten Menschenfreunde. Menschen, die im Tierschutz aktiv sind, haben meist alle ihre eigene, nicht immer leichte Vita, die sie erst zu diesem Thema herangeführt hat. Da nehme ich mich nicht aus :-). Aber wir müssen alle zwingend zusammen arbeiten, wenn es funktionieren soll, wenn wir es wirklich ernst meinen!

Natürlich kann man auch privat, für sich allein viel bewegen. Doch wer sich privat im Tierschutz engagiert kommt immer irgendwann an Grenzen. Privatpersonen können nur ein gewisses Pensum schaffen, Privatpersonen können keine Spendenquittungen ausstellen, Privatpersonen verfügen allein meist nicht über die so dringend benötigten Mittel, um umfassend zu helfen. Taucht man erst einmal in die Szene ein und ist nicht aus Stein, dann möchte man umfangreicher helfen, so viel steht fest!

Also tat ich das, was ich eigentlich nie wollte, ich gründete einen Verein. Das ist nun 18 Monate her und seitdem vergeht kein Tag, an dem ich zwar überglücklich über das Erreichte bin aber mich nicht dafür verfluche, warum ich diese bescheuerte Idee gegen jedes Bauchgefühl trotzdem verwirklichte. Denn der Preis war die Freiheit.

Viele Freunde unseres Vereines wissen gar nicht, wer wirklich hinter den meisten unserer Aktivitäten steckt, und selbst enge Mitstreiter ahnen nur, was es bedeutet, jeden Tag, 365 Tage im Jahr ein Rad zu drehen, ein ziemlich sperriges Rad, das jeden Tag größer wird. Was es wirklich bedeutet, eine Firma zu führen, deren Kunden zum Überleben auf das Funktionieren dieser Firma angewiesen sind (die hungrigen und kranken Tiere) und deren Mitarbeiter nicht entlohnt werden können, die einzig zur Arbeit erscheinen, weil sie Lust dazu haben, die jeden Tag ausfallen könnten oder hinwerfen, was sie auch regelmäßig tun und deren Bindung an die Firma jeden Tag aufs neue erbettelt, ermutigt, erkämpft oder geworben werden muss. Das tut der Chef.

Der „Chef“ bin in diesem Fall ich. Ein Chef, der ohne Bezahlung rund um die Uhr (und damit meine ich wirklich, rund um die Uhr!) zur Verfügung steht. Seit 18 Monaten, jeden Tag. Der über rechtliche und steuerliche Vorgaben wachen muss, Kontakt hält zu Spendern, Partnervereinen, Aktiven, Adoptanten, Medien, Behörden, Sponsoren, Mitstreitern, der alle Genannten in Balance und bei Laune halten muss, der die Veröffentlichungen einholt, übersetzt, erstellt, bearbeitet, teilt, kommentiert, erwidert oder verbessert und dazu noch 1000 andere Dinge im Vorbeigehen erledigt, die von Kisten schleppen bis zu anspruchsvollen Verhandlungen mit ausländischen Zollbehörden so ziemlich alles beinhalten. Ein Chef, der dabei stets positiv, freundlich, höflich und ausgleichend, gleichzeitig aber zielgerichtet und energisch auftritt, oder das zumindest versucht…ehrlich….denn jeder Fehler kostet entweder Geld, den Ruf, wichtige Verbündete oder, noch schlimmer …Tierleben.

Kein Geld – kein Futter, kein Geld – keine medizinische Behandlung, kein Geld -keine Möglichkeit auf die täglichen Hilferufe einzugehen, die jeden Morgen in der Post sind.

Also liefere ich das Gewünschte. Meist macht es mir großen Spaß, denn jedes Happyend, jedesmal, wenn sich der Ausdruck im Gesicht eines Tieres nach der Rettung von blankem Elend in satte Zufriedenheit verwandelt, geht mir das Herz auf und diese Freude nutzt sich nie ab. Im Gegenteil…

Ich bedanke mich eigentlich den ganzen Tag. Pausenlos. Jeder, der seinen Teil dazu beiträgt, hat diesen Dank auch verdient und er kommt ehrlich und von Herzen. Manchmal staune ich nur noch, wie hingebungsvoll einige unserer Mitstreiter Zeit, Geld und Energie für die Sache investieren, bin fast beschämt über die Großzügigkeit unserer Spender, weiß, wem es leichter oder schwerer fällt, so viele verzichten auf Dinge, nur um bei uns helfen zu können und trotzdem muss ich jeden Tag aufs neue bitten, mehr von allem zu erhalten, mehr Einsatz, mehr Geld, denn das Rad wird ständig größer und es muss laufen. Siehe oben.

Viele wissen nicht, dass ich all dies neben einem Fulltime Job bewältige. Ein Job, der mir zum Glück viel Zeit lässt, nebenbei schnell etwas zu bearbeiten. Was nicht erledigt werden kann, wird in die Nachtstunden gepackt. Meine Nächte sind kurz geworden. Trotzdem gibt es immer wieder Beschwerden, wenn sich etwas verzögert, wenn Fehler passieren oder nicht angemessen reagiert wird. Ich bin keine Maschine, manchmal zu emotional, manchmal nicht genügend informiert, manchmal einfach … Ich. Ich habe panische Angst vor Fehlern, denn…siehe oben. Immer werden dann die darunter leiden, die sich auf mich verlassen. Ich muss funktionieren.

Es gab keine Anfeindung, keine üble Nachrede, keinen Vorwurf, keine Häme, die nicht bereits über mich ausgeschüttet wurde, weil ich tue, was ich tue und wie ich es tue. Anstatt mich in schädliche Diskussionen verwickeln zu lassen, anstatt diese Menschen samt ihren Unverschämtheiten und Lügen öffentlich in der Luft zu zerreißen, was zugegebenermaßen manchmal sehr reizt, (und wozu ich rhetorisch und auch von meinem Temperament her durchaus in der Lage wäre) , stelle ich eigene Befindlichkeiten grundsätzlich zurück, atme tief durch und denke an die, die jetzt von meiner Geduld abhängig sind. Es geht um die Tiere. Alles, was gut für den Verein ist, ist gut für sie. Leider ist es längst nicht immer gut für mich ? . Jeder, der bei uns mitwirkt, tut es für die Tiere, nicht für mich. Manchmal habe ich den Eindruck, das wird verwechselt.

Delegieren ist eine tolle Sache. Wer sich etwas im Vereinsrecht auskennt weiß, das letztlich immer der Vorstand haftet. Jeder andere im Verein kann bei jedem Fehler sagen…ooops, sorry…mir reicht es jetzt, und weg ist er. Nicht, dass das nicht bereits passiert wäre. Umfangreiche Hilfe benötigt feste Strukturen. Wir haben tolle Leute, wir haben die Besten :-), trotzdem lässt sich ein Teil der Arbeit und die Verantwortung nicht delegieren. Ich hafte nicht nur finanziell und rechtlich, ich habe auch meinen Namen für diese Sache gegeben und vieles, was funktioniert, funktioniert deshalb, weil die Menschen wissen, sie können mir vertrauen, sie wissen, ihre Spenden werden umsichtig eingesetzt und ihre Arbeit wird sehr wertgeschätzt.

Mittlerweile glaube ich zu wissen, warum viele Tierschutzvereine scheitern. Fast alle hängen auf Gedeih und Verderb an wenigen Verantwortlichen, sie alle kennen das, was ich hier beschreibe und je nachdem wie leidensfähig oder auch wie hartnäckig diese sind, trennt sich bald die Spreu vom Weizen, wobei in diesem Fall die „Spreu“ , alle Kämpfer an der Front, die aufgeben, mein vollstes Verständnis haben.

Unser Verein befindet sich gerade an der Schwelle zum „richtig Durchstarten“, alle großen Ziele sind in Reichweite. Damit geht der Marathon eigentlich erst los, denn wir haben uns erst warm gelaufen. Mein erstes Ziel habe ich erreicht. Vor 18 Monaten hatten wir nichts, kein Geld, keine Unterstützer, keine Ahnung! Heute tritt ein solider Verein an, mit tollen Unterstützern, gutem know-how und einem ausgezeichnetem Ruf. Ich sollte glücklich sein, und stolz! Trotzdem bin ich auch müde, einfach nur unendlich müde und habe Sehnsucht nach der Zeit, als auch ich sagen konnte, ooops …. ich schmeiße jetzt hin…wenn mir etwas nicht gefallen hat oder sich meine Interessen und Schwerpunkte ändern . Ich kann es nicht mehr, ohne dabei viel Schaden anzurichten und Hilfsbedürftige im Stich zu lassen. Das macht mir manchmal Angst.

Aber morgen ist ein neuer Tag und Aufgeben keine Option…siehe oben ❤

 

Wir durften diesen Text, der mit Ausnahme des letzten Absatzes auch von uns stammen könnte, mit freundlicher Genehmigung von Bettina M. Schneider, Gutes Karma to go, übernehmen. Sie schreibt uns aus der Seele.

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